- Text: online
- Branche: Elektrotechnik
Die Erfindung des Radios: Wie die Töne in den Äther kamen
YouTube und Online-Streamingdiensten zum Trotz – das Radio erfreut sich noch immer großer Beliebtheit. Wer hat das Prinzip des Modulierens, Sendens, Empfangens und Demodulierens eigentlich erfunden? Wollen wir der Gerechtigkeit Genüge tun, dann lautet die Antwort: Mehrere Personen waren daran beteiligt. Fragen wir, wer das erste Patent für das Radio beantragt hat, dann fällt die Antwort einfacher aus.
Aber der Reihe nach. 1886 entdeckt Heinrich Hertz die elektromagnetischen Wellen, ohne die eine moderne Nachrichtentechnik, Funk und Fernsehen gar nicht denkbar wären. Die Entdeckung mag lapidar klingen, die Kopplung von magnetischen und elektronischen Feldern koppeln eröffnete aber für die Physik ein komplett neues und, faszinierende Experimentierfeld. Würde man Hertz Beobachtung in die Neuzeit übertragen, dann wäre sie in etwa gleichbedeutend mit der Suche nach dem Higgs-Teilchen, der dunklen Materie oder der Neutrinomasse (Quelle: https://www.vdi-nachrichten.com/technik/technikgeschichte/vor-125-jahren-entdeckte-heinrich-hertz-die-elektromagnetischen-wellen/). Hertz selbst war von dem technischen Nutzen seiner Entdeckung gar nicht überzeugt, aber schon kurze Zeit später kamen andere findige Ingenieure auf die Idee, Radiowellen in den Äther zu schicken und hörbar zu machen.
Töne überbrücken Distanzen
Sankt Petersburg, Mai 1895. Bei einem Treffen der Russischen Akademie der Wissenschaften überrascht der Physiker Alexander Stepanowitsch Popow mit einer ungewöhnlichen Apparatur. Sie fängt elektromagnetische Wellen ein und bringt damit wie durch Geisterhand eine Glocke am anderen Ende des Hörsaals zum Läuten. Was den Anwensenden damals noch nicht klar gewesen sein dürfte: Der Vorläufer des Radios ist geboren. Bald darauf schon sendet Popow über eine Distanz von 250 Meter eine Morsebotschaft durch den Äther.
Etwa zur gleichen Zeit beschäftigt sich in Italien der junge Guglielmo Marconi mit den geheimnisvollen Wellen. Marconi ist ein „Selfmade“-Ingenieur, bricht die Schule ab, führt Experimente auf dem Landgut seiner Eltern in Bologna durch und lässt sich von einer Vision vorantreiben: Er möchte Schiffe mittels drahtloser Telegraphie mit der Außenwelt verbinden und dazu Nachrichten über den Atlantik bzw. die Ozeane schicken. Im Alter von nur 20 Jahren hat er zum ersten Mal Erfolg. Ähnlich wie Popow schickt er Funkwellen quer durch einen Raum und bringt damit eine elektrische Glocke erklingen. Am 2. Juni 1896 beantragt Marconi in England das Patent zur Übertragung elektrischer Impulse. Weitere zwei Jahre später kommt er seiner Vision noch ein gutes Stück näher und funkt drahtlos über den Ärmelkanal. 1901 gelingt ihm schließlich die Überbrückung einer noch größere Distanz. In Neufandland empfängt die drei kurzen Morsesignale des Buchstaben S, die seine Mitarbeiter von Cornwall unermüdlich über den Atlantik senden. Er hat es geschafft. Das Radio, wie wir es heute kennen, ist zwar noch nicht erfunden, aber Marconi hat wesentliche Grundlagen geschaffen, um Töne drahtlos über eine große Distanz zu übertragen.
Alles schwingt
Nun wäre die Geschichte ja geradezu ein wenig langweilig, gäbe es da nicht noch einen Dritten im Bunde. Zeitgleich mit Popow und Marconi gelingt es einem Nikola Tesla in den USA, elektromagnetische Signale durch die Luft zu schicken. Wie bei vielen großen Erfindungen verfolgt der gebürtige Kroate bei seinen Untersuchungen eine andere Idee: Er möchte herausfinden, wie sich Energie, nicht Töne, drahtlos übertragen lassen. Tesla entwickelt dazu im Jahr 1893 den Resonanz-Transformator, die sog. Tesla-Spule. Seine Resonanz-Schaltkreise ermöglichen die gezielte Manipulation von elektromagnetischen Wellen, so dass ein Signal mit enger und frei justierbarer Frequenz entsteht. Damit schafft der Wissenschaftler die Möglichkeit zur Modulation von Tönen, einer unverzichtbaren Voraussetzung für die Radioübertragung. Auch Tesla möchte seine Erfindung zum Patent anmelden. Doch das Glück ist ihm nicht hold. Kurz vor dem entscheidenden Versuch brannte sein Labor ab, wodurch sich die Patenteinreichung verschiebt und Marconi an ihm vorbeizieht.
Noch immer aber sind nicht alle Voraussetzungen für einen störungsfreien Radiobetrieb geschaffen. Bei der Funkübertragung gibt es nämlich zunächst ein Problem: Die Antennen erfassen einfach alle empfangbaren Signale. Sie können nicht unterscheiden, von welchem übertragenden Gerät sie stammen. Es kommt zu Überlagerungen und Störungen. Marconi denkt über eine Möglichkeit nach, einzelne Frequenzen gezielt zu senden und zu empfangen und entwickelt dazu ein im Jahr 1900 patentierte Schaltung. Der Radioübertragung, so wie wir sie heute kennen, stand nun endlich nichts mehr im Wege. 1904 erhält Marconi das Patent für seine Radioerfindung, 1909 sogar den Nobelpreis für seine Arbeiten. (Als er am 20. Juli 1937 verstirbt, wird ihm zu Ehren sämtlicher Funkverkehr für zwei Minuten ausgesetzt.)
„Hier ist Königs Wusterhausen auf Welle 2.700“
Zwanzig Jahre vergehen, bis in Deutschland die erste Radiosendung übertragen wird. Und die kommt am 22. Dezember 1920 nicht, wie man vielleicht vermuten würde, aus dem in zu dieser Zeit vibrierenden Berlin, sondern aus Königs Wusterhausen. In der südlich von der Hauptstadt gelegenen Gemeinde hatte man schon zehn Jahre lang funktechnische Versuche durchgeführt. Kurz vor Weihnachten gelingt es schließlich, vom Mühlenberg – später in „Funkerberg“ https://museum.funkerberg.de/ umbenannt – ein Weihnachtskonzert auszustrahlen. Der Empfang ist allerdings nur über entsprechende Telegrafiempfänger mit Kopfhörern möglich, denn einen privaten Rundfunk in Deutschland und Radiogeräte gibt es zu dieser Zeit noch nicht. (Die Sendeanlagen auf dem Funkerberg überstanden die Wirren des 2. Weltkrieges übrigens fast völlig unversehrt und wurden im Rahmen von Reparationsleistungen von sowjetischen Truppen abgebaut. Heute beherbergt der Funkerberg ein Museum.) Von da an fand der Unterhaltungsrundfunk in Deutschland eine rasante Verbreitung. Im Jahr 2021 gibt es laut Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e.V. (ag.ma) in Deutschland rund 282 private und 75 öffentlich-rechtliche Radiosender sowie 104 sonstige Sender. Und auch auf dem Funkerberg wird seit einiger Zeit wieder Rundfunk gemacht. Der private „Sender KW“ gestaltet dort ein lokales Vollprogramm auf den Frequenzen 93,9 MHz und 105,5 MHz.
Zuerst erschienen auf dem Blog der Turck duotec 2020